Der Reiseführer beschreibt Auroville als “die auf dem Reisbrett geplante ‘Stadt der Morgendämmerung’. Gegründet 1968, initiert von “the mother”, beseelt von den Ideen von Sri Aurobindo, ist Auroville als idiale Stadt für einmal 50.000 Menschen geplant. Heute leben 1700 Aurovillianer aus aller Welt in dem grünen Ort, wo einmal nur trockene, rote Landschaft war. Aber Auroville ist kein geschlossenes Gebiet, es erstreckt sich eher wie eine Patchworkdecke, bunt gewürfelt mit normalen indischen Häusern und Straßen. Dazu kommen viele Gäste und Touristen, viele helfen für ein paar Wochen oder Monate in einem der Projekte mit. Alles in allem eine bunte Gemeinschaft.

Wir erreichen früh morgens um sieben Aspiration, die älteste Kommune von Auroville. Die Bewohner sind dabei Masala Chai für das Frühstück zuzubereiten, es gibt frisches Brot. Nach der nächtlichen Zug-, morgentlichen Bus- und Rikshafahrt ist man hier in nur wenigen Minuten angekommen. Zwei Stunden haben wir schon unsere kleine Hütte bezogen, die an eine Art Hobbithäuschen erinnert und einen Roller gemietet. Überraschend wie weit sich der Ort erstreckt in der grünen Landschaft - es fällt schwer sich vorzustellen, dass hier vor etwas mehr als 40 Jahren nichts als rote, trockene Erde war.
In dem Information Center klärt eine Ausstellung über die Ideen hinter der Stadt auf und die zentrale Idee von Sri Aurobindo von “Yoga in Work”. Es ist nicht das Ziel sich in Meditation von der Welt abzuwenden, sondern den Geist von der inneren Unruhe und Zweifeln zu lösen und seine Energie sinnvoll einsetzen zu können. Und Baustein für Baustein an der Utopie weiterbasteln. Einen ersten Eindruck von dem Herzen Aurovilles - dem Matri Mandir - gibt der Film der Ausstellung. 40 Jahre haben die Aurovillianer an dem Meditationszentrum gebaut, einer riesigen goldenen Kugel, die aus dem Boden zu streben scheint, als Symbol für eine neue Welt. Ein Spaziergang führt uns zum Matri Mandir und da erst seit zwei Jahren fertig gestellt, strahlt die wirklich gigantische Kugel noch wie ein riesiges Model seiner selbst. Man wird jedoch das Bild des überdimensionierten Golfballs nicht los. Und nachdem wir also Ausstellung, Film und Spaziergang absolviert haben, ist es uns gestattet einen Termin für einen Besuch des Matri Mandir auszumachen. Aber frühestens in zwei Tagen.
Mittags zurück in der Kommune wurde gekocht. Endlich wieder einmal Salat essen. Französischen Kuchen und italienischen Kaffee am Nachmittag, Chanten am Abend. Langer Tag. Endlich schlafen.
Erstaunlich viele Mücken sind unterwegs in Auroville. Daniel ist am Morgen trotz Moskitoschutz und Netz am Morgen komplett zerstochen. Er fährt zu einer Yogastunde. Ich vertrödel den Morgen in der französischen Bäckerei, die definitiv bessere Teilchen macht, als 95 Prozent unserer Bäckerein. In der Zwischenzeit hat Daniel die Stiche als Wanzenstiche identifizieren müssen. Das erste Bett mit Wanzen nach so vielen Tagen Indien. Ausgerechnet an dem Ort, der als einer der saubersten in ganz Indien gilt. Unsere Laune befindet sich einen Tag auf Talfahrt. Selten erscheint es so kompliziert Hilfe zu bekommen, da sind die Inder eigentlich anders. Abends haben wir endlich ein anderes Zimmer in Auroville gefunden. Ich bewundere, dass Daniel trotz der unzählbaren Stichen noch ruhig bleibt - ich würde völlig am Rad drehen. (Dafür wird seit diesem Tag aber jedes Bett von ihm aufs genaueste untersucht auf Krabbelgetier.)
Auroville erscheint sich nicht einfach Öffnen zu wollen. Vielmehr existieren viele kleine Communities nebeneinander. Schöne Ideen und Konzepte, aber eben auch die Probleme, die Menschen mit sich bringen. Und letztlich werden die ganzen einfachen Arbeiten doch wieder von den Indern gemacht. Aber somit haben sie einen guten Arbeitsplatz. Auroville kann man mit vielen Augen sehen.
Und schließlich können wir am letzten Morgen vor unserer Abreise noch in unserer Gruppe B das Matri Mandir besichtigen. Selbstverständlich jedoch nicht, bevor nicht noch ein Film gezeigt wurde und wir Verhaltensinstruktionen von weiteren Aurovillianern bekommen haben. Mit hochgekrempelten Hosenbeinen und auf weißen Socken laufen wir schweigend, langsam ins Innere der Kugel. Umgeben von weißem Marmor. Beleuchtet durch einen Sonnenstrahl, der durch die kleine Öffnung im Dach fällt und sich in einer riesigen Kristallkugel bricht. Wir können 15 Minuten im Innersten bleiben. Auf kleinen weißen Kissen in völliger Ruhe. Tatsächlich sind alle mucksmäuschenstill. Ich glaube nicht bereits einmal eine solch durchdringende Stille erlebt zu haben. Sicher kann man in einen solchen Ort keine Touristengruppen durchschleusen. Aber die Regularien empfinde ich nichtsdestotrotz grotesk. Und sollte nicht das Herz einer solchen Stadt ein Ort des Zusammenkommens sein? Ein lebendiger Ort? Die Stille verfolgt mich noch einige Stunden.
Indien lässt einen oft sehr zerrissen zurück - in diesem Sinne ist Auroville sehr indisch.
In Madurai im Süden von Tamil Nadu ist einer der größten und sicherlich kunterbuntesten Tempelkomplexe von ganz Indien. Vor einigen Jahren haben die Inder die 12 Tempel einfach mal in Farbe getaucht und somit eine typisch indische aber wunderschöne Kitschszenerie geschaffen.

Innerhalb der Tempelmauern ist ein mir etwas undurchsichtiges Wirrwar an Gängen, Mauern, Altären und Shops, wie es auch nur Inder durcheinanderbauen können. Und überall geschäftiges Treiben. An jeder Ecke wird einer neuen Gottheit gehuldigt, musiziert, es werden Statuen durch die Gegend getragen für die nächste Zeremonie. Abends werden alle tragbaren Shiva und Meenakshi Statuen in einer Zeremonie zusammengetragen und es werden Schlaflieder gesungen. Manche Riten lassen einen einfach sprachlos zurück.
Absurd ist auch mit Lotta, einer alten Schulfreundin aus Bremen, und ihrer Freundin Tomke durch eben diese Gänge zu wandern. In Hamburg planen wir Wochen um uns einen Abend zu treffen, in Indien laufen wir uns fast zufällig über den Weg. Tatsächlich hat Lotta Madurai nicht nur zur selben Zeit angesteuert wie wir, sondern auch noch das selbe Hotel gewählt. Eigentlich schade, dass wir schon per mail festgestellt hatten, dass unsere Pläne exakt aufgehen - welch eine Chance Bauklötze zu erstaunen.

Den einen Tag, den wir in Madurai haben wechseln wir zwischen Tempel und Restaurants. Der erste Versuch, die erst zwei Tage in Indien weilende Tomke in die Kunst des Thali Essens einzuweihen, ist von eher zweifelhaftem Erfolg und fällt in die Kategorie Reiseführern ist nicht immer zu trauen. Besser mittags den indischen Massen zu folgen und dann mit den Händen in die herrliche Variation der indischen Köstlichkeiten tauchen. Und sich später an den zweifelhaften Fotodokumentationen erfreuen (die an dieser Stelle ausgespart wird).

Zurück zu den Tempeln. Dem Elefanten zuschauen, wie er Münzen, Scheine und Bananen mit dem Rüssel entgegen nimmt um im Gegenzug mit einem Kopfstupser eine Segnung verteilt. Bei den Blumenständen verweilen und das Binden der farbenfrohen Kränzen beobachten. Während Kinder die bunten Ballons der Stände stolz durch die Tempelmauern tragen…
Wir sind wieder im rechten Reisemodus angekommen und haben eine Runde Kerala abgeklappert. Und mit uns klappern viele - Fort Cochin unser nächstes Ziel nach Waynard machte auf den ersten Blick einen höchst fragwürdigen Eindruck. In der portugiesisch geprägten Hafenstadt schienen außer uns auch Oma und Opa Hoppenstedt samt Anhang Urlaub gebucht zu haben. Und unser Guesthouse mitten drin. Aber damit die werten Herrschaften nicht allzu weit laufen brauchen beschränkt sich der Zirkus auf wenige Straßenzüge.

Nachdem wir also die Unterkunft gewechselt und tagsüber mit dem Fahrrad durch die Gegend gescheppert sind, kam Fort Cochin gleich anders. Hat viel Flair und lebhafte, indische Ecken zu entdecken (wenn man nicht den ganzen Tag in einem der Antique-Möbelläden hängen bleibt und die noch zu suchende Wohnung einrichtet). Und wenn man zum Sonnenuntergang an den Fischernetzen am Hafen entlangspaziert und sich in den Strom Inder einreiht, zwackt das Touristengewand wieder weniger. Die riesigen Netze die von vier Männern über Seile aus dem Wasser gewuchtet werden müssen haben einfach Flair.

Von Cochin weiter südlich ist das Innland von den Backwaters durchzogen mit seinen riesigen Wasserstraßen. Wir fahren etwas weiter südlich nach Allepey, von wo man mit diversen Fähren, Kanus und Hausbooten über die Kanäle schippern kann. Initial kommt wohl jeder nach Allepey, weil er eine Hausboottour machen will. Mindestens einen Tag und eine Nacht mit eigenem Koch und allem durch die Backwaters. Aber die Boote sind riesig, inzwischen mit jedem mehr oder minder gewünschten Schnickschnack ausgestattet, kommen nicht in die kleinen Kanäle und sind völlig überteuert. Hunderte dieser Gefährte lungern an den Ufern in Allepey und haben das Gleichgewicht der Backwaters bereits empfindlich gestört.

Wir lassen uns lieber mit dem Kanu umherfahren - schon das empfinde ich als dekadent, noch nach vier Monaten Indien erscheint es mir absurd zuzusehen, wie man nur durch Körperkraft eines schmalen Mannes umhergefahren wird. Unser Kanu wird von zwei über 70 jährigen Indern gepaddelt, die vergnüglich im relaxten Wanderstil unterwegs sind. In der typischen Kindersprache unterhalten wir uns über die Existenz von Muscheltauchern, Mangobäumen und Reisfeldern. An den Ufern verteilen sich die kleinen Farmhäuser, dahinter beginnen direkt die Reisfelder. Alles bewegt sich über das Wasser. Auf erstaunlich kleinen, fixen Kanus paddeln die Händler mit frischem Fisch und allem möglichen anderen an uns vorbei. Das Leben ist simpel. Zähneputzen, Baden, Wäschewaschen, Abwasch - alles findet in dem Wasser vor der Haustür statt. Dass die Oberfläche des Wassers verräterisch in allen Farben schimmert darf da einfach nicht weiter stören. Idyllische Normalität.

Unser nächster Stopp nach Allepey formt ein weiteres Kapitel Bilderbuch-Bauern-Idylle. Nach zwei Stunden wunderschöner Fährfahrt gen Osten bleiben wir für eine Nacht in einem Homestay in der Nähe von Kottayam mitten in einem winzigen Dorf in den Backwaters. Nun übernachten wir in der Szenerie an der wir am Vortag vorbeigepaddelt sind. Ein abendlicher Rundgang um die Insel bezaubert auf’s neue. In aller Eleganz schwimmt ein Schwarm Enten gefolgt vom Entenhirten im Kanu zurück zur Farm. Das erscheint tatsächlich noch Artgerechte Haltung zu sein. Die Jungen spielen Kricket auf dem Reisfeld. Ein kleiner Tempel unterlegt die Szenerie mit schönen Klängen. Die Welt ist verlangsamt.

Mit der Vorstellung von kühler Naturidylle haben wir auf dem Weg nach Cochin in Kerala zwei Tage in der Region des Waynard National Parks verbracht. Die Busfahrt hat der Vorstellung von indischen Straßen alle Ehre gemacht - derart durchgeschüttelt wurden wir definitiv noch nie. Die Route des Busses ging zeitweise über kleine Sandwege mitten durch die Felder und führte uns so mitten durch einen Bildband über Bauern in Kerala.

Auch unsere Gastgeber haben ursprünglich nur Landwirtschaft betrieben - ihre Farm liegt mitten in ihren Reisfeldern, Palmen, Pfeffer, Vanille, Gemüse und allem möglichen Fruchtbäumen. Inzwischen kümmert sich jedoch die Mama um das Gästehaus und ihr Mann arbeitet tagsüber als Polizist. Die Landwirtschaft würde schlicht nicht reichen, die Kinder sollen studieren können. Nur noch wenig des Ertrags wird verkauft, man kann hier mit dem guten Gefühl essen, das Gemüse, Obst und Milch rein biologisch angebaut wurde und einen Weg von vielleicht 100 metern bis zum eigenen Teller zurückgelegt haben. Sie haben recht pragmatisch einen guten Weg für sich hier gefunden, der Platz ist herrlich - erzählen aber auch wie viele Bauern der Region keinen Ausweg mehr gesehen haben. Die Selbstmordrate der Farmer ist auch hier in Kerala, wo das Land so fruchtbar scheint, erschreckend hoch. Allein in dem winzigen Distrikt haben sich in den letzten 10 Jahren 800 Bauern das Leben genommen.


Touristen kommen bislang noch sehr wenige in diese Ecke, aber auch hier werden langsam mehr und mehr Luxus-Resorts gebaut. Scheinbar nehmen gestresste ITler aus Bangalore abartige Wege für Wochenendtrips auf sich. Wir wandern ein wenig durch die Landschaft, unter riesigem, knarrenden Bambus zu einer der Hauptattraktionen in Laufentfernung: Eine Flussinsel. Große Parkplätze zeugen von den Massen die hier wohl täglich angekarrt werden. Man kann ein Fährticket kaufen und sich auf die Insel übersetzen lassen. Ich tappe mal wieder in die Indienvorstellungsfalle, als ich mit dem Bild einer kleinen Fähre im Kopf zu dem Bootsanleger laufe. Es ist mehr eine kleine Nussschale, die uns auf die andere Seite bringen soll, gesteuert von einem Inder der hochmotiviert mit einer Hand mit einem uralt Paddel im Morast rumstochert, während er angeregt telefoniert. Die Beschaffenheit der Insel unterscheidet sich dann nicht wesentlich von der restlichen Natur draußen, wir setzen also unseren schönen Spaziergang dort fort. Wieso man dieses Ziel nun jedoch mit Touristenbussen anfährt ist mir schleierhaft - letztlich kann man in dieser Gegend auch einfach irgendwo aussteigen und loslaufen, sicherlich genauso schön.


Abends sitzen wir gemeinsam mit der Familie draußen vor dem Haus zum Essen. Typisch für hausgemachtes indisches Essen ist es wunderbar vor allem weder fettig noch scharf. Wir lernen die Vielfältigkeit der Bananen kennen - von noch bekannten Shakes und Bananenyoghurt zu Bananencurry und - besonders lecker - Bananenblütencurry. Und wie es so langsam dunkel wird hören wir einen Elefant in der Ferne durchs Gehölz tappen. Sie kommen von wohl von Zeit zu Zeit zur Farm und verwüsten die Bananenstauden. Irgendwie wünscht man sich ein klein wenig, sie würden in dieser Nacht auftauchen. Zum Glück für die Farm bleibt es jedoch ruhig in der Nacht. Wunderbar ruhig. Wunderbar kühl.
Gestern haben wir das schöne Mysore nun verlassen. Ich hatte wieder ein Gefühl wie aus Deutschland aufbrechen - allein das ganze Zeug, dass sich in den zwei Monaten angesammelt hat zu sortieren brauchte gefühlte zwei Tage. Die letzte Woche war die Tony, eine gute alte Freundin von Daniel, bei uns eingezogen und hat noch mehr Heimatgefühl verbreitet. Es zeigt einem wie anders die Welt in Indien doch leuchtet und wie sehr wir uns hier akklimatisiert haben. Völlig abgetaucht in der Mysore Yogawelt scheint dann für das was zuhause Realität ist kaum Platz zu sein.

Die ganze Zeit in Mysore war geprägt von Kursen. Angefangen natürlich mit dem Yoga, habe ich doch nun auch offiziell einen Yogalehrer an meiner Seite. Einen Monat lang kam ein strahlender Mann nach Hause, der auf’s neue erzählte er hätte heute wirklich gemerkt, wie gut der Barath (unserem Yogalehrer) Yoga unterrichten würde. Ich glaube, er hätte auch gut und gerne noch einige Zeit so intensiv weiter gearbeitet, aber ich war froh, dass er nun nicht mehr um 4:30 aus dem Bett krabbelte und wir uns bis abends um 8 nur mittags mal zwei Stunden gemeinsam verbringen konnten. In der Zeit habe ich ihm dann beim Essen zugesehen. Gott, Yogastunden können einem den Essensplan ganz schön verkomplizieren. Es war eine Zeit in der wir uns die Klinke in die Hand gegeben haben - hatte er Pause, hatte ich Yoga.


In meiner freien Zeit bin ich dann immer wieder aufs neue über meinen Schatten gesprungen und habe tatsächlich nicht nur einen Kurs zum rezitieren (sprich singen) und übersetzten eines Teils der Baghvadgita besucht, sondern auch Gesangsstunden bei einer Inderin genommen. Es ist wunderbar, wenn man sich jeden Tag aufs neue über sich selbst wundern kann.
Zugegeben nach zwei Monaten und rund 75 Yogastunden ist mal wieder Zeit auf andere Dinge, aber es ist vielmehr die Lust zu Reisen, als das Gefühl weg zu wollen. Letztlich haben wir noch einen Monat also eigentlich noch eine ganze Reise vor uns, und doch sind wir gefühlt auf dem Heimweg.
[Um hier keine Verwirrung zu stiften: Das auf dem Bild oben ist Shiva, einer der Chinesinnen aus Daniels TTC. Denen hätte ich den ganzen Tag beim Yoga zuschauen können. Unfassbar flexibel.]
Für eine indische Stadt ist Mysore unglaublich ruhig, sauber und grün. Es bleibt aber eine indische Stadt und nach zwei Monaten war es endlich wieder Zeit frische Luft zu atmen und durch’s Grüne zu laufen. Außerdem können wir uns langsam wieder mit dem Reisen an sich vertraut machen, schließlich wollen wir bald wieder los.


Gewohntes fünf Uhr aufstehen, Sachen packen, zum Bus fahren. Bus fahren … Bus fahren … Bus fahren. Verlässlich erscheint die Zeit mal wieder lang in dem Gefährt, das eigentlich in einem überraschend super Zustand ist. Der Bus braucht dann für 120 km trotzdem knappe 4 Stunden. Die letzte Stunde winden wir uns langsam die Berge hoch durch Urwald und Kaffeeplantagen - ganz klar nähern wir uns dem Paradies. Idylle pur. Das scheint auch die Tourismusbranche gemerkt haben, überall werden Anlagen angepriesen, als wir uns dem Ort näher. Kurz bekomme ich ein mulmiges Gefühl.
Aber die Rikscha bringt uns wieder zurück in die Stille. Beziehungsweise holpern wir mit ihr wieder in den Urwald hinein, während wir testen in welcher Sitzhaltung man am wenigsten durchgeschüttelt wird. Im Maße in dem die Straße schlechter wird, werden die Schilder weniger bis wir an dem Tor zum “Rainforest Retreat” ankommen. Wir werden von Arun direkt mal auf Deutsch begrüßt - er kommt zwar aus Bombay, hat aber einige Zeit in Deutschland gelebt. Er hilft zur Zeit für Kost und Logie auf der Plantage, neben drei Amerikanern, einer Kenianerin und einer weiteren Inderin. Geführt wird die Biofarm von zwei Indern. Von der ersten Minute an scheint der Ort eine vollkommene Stille zu haben mit all den vielfältigen Tönen des Waldes.



Wir haben ein kleines gemütliches Cottage mitten auf der Plantage zu dem man Hügel rauf, Hügel runter, an Bananen, Kaffee und Ananas vorbei läuft, die scheinbar friedlich wachsen wo sie mögen. Herrliche Ruhe.
Ein gemeinsames Mittagessen mit den anderen Gästen der Plantage. Ein holländisches Pärchen und eine indische Großfamilie. Mit ein bisschen Scham stelle ich fest, dass mich die indischen Gäste überraschen. Aber auch in Indien wächst Organic. Bei der anschließenden Führung über die Plantage wundern sie sich, dass der Kaffee so hoch wächst, alles ungeordnet scheint und der Pfeffer friedlich den Baum hoch rankt. (Und wieso können die Europäer eigentlich alle so lange durch Indien reisen?)
Wir kommen in den Genuss frischen Pfeffers, Daniel strahlt die Cardamom- und ich die Kaffeepflanzen an. Wir erfahren, dass Vanille zu den Orchideengewächsen gehört und jede Blüte einzelnd bestäubt werden muss, da die dafür zuständige Biene nur in der Heimat der Vanille anzufinden ist - in Südamerika. Ich fühle mich ein wenig wie bei der Sendung mit der Maus. Wieso kennt man eigentlich diese Pflanzen alle nicht?


Am nächsten Morgen machen wir noch alle gemeinsam eine drei-stündige Wanderung durch die Umgebung. Mit der bunten Gruppe der Praktikanten und den Holländern spazieren wir durch den Urwald die trockenen Reisfelder, an einem kunderbunten Waldtempel vorbei über die Hügel wieder zurück zur Plantage. Herrlichste Natur. Die zwei Tage fühlen sich wieder wunderbar verdichtet an, und die Reiselust schleicht sich wieder leise an. Und schon scheppert uns der Bus wieder zurück nach Mysore.
Shiva ist der Mann, den man fragt, wenn man ein Apartment, Motorrad, Wasser, Waschmaschine oder ein Taxi braucht. Oder vielleicht seine Sachen bis zum nächsten Jahr unterstellen möchte. Oder Yoga and Meditation Information sucht. Ich liebe das indische einer-für-alles Konzept.
Er tritt dann aus seinem Haus, ganz in orange wie ein Sadhu gekleidet, zupft an seinem Bart, rollt mit den Augen und schweigt erst einmal. Wenn er dann so in sich gegangen ist, kann man hoffen eine Lösung seines Bescheidenen Problems zu bekommen. Oder aber man wird auf einen anderen Tag verwiesen. Wie unser Mitbewohner Ben, der letzten Sonntag versuchte bei ihm einen Scooter zu leihen. Er sei ein ganz schlechter Tag etwas neues zu starten, schließlich sei Moonday (der Tag an dem auch kein Ashtanga Yogi praktiziert). Schlechte Energie für neue Pläne. Er musste also bis Montag warten.
Da auch wir unser Apartment von Shiva gemietet haben und sein Haus direkt gegenüber ist, kam er dazu als wir unsere gerade neu gedruckten Postkarten mit Fotos der Reise einer Freundin zeigen. Er sieht eine Karte mit einer Ziege vor einem schlafenden Rikschafahrer. »too much meat« und verschwindet. (Die Ziege wird für ihr Fleisch gezogen und er lebt als strenger Hindu streng vegetarisch)
Und von Zeit zu Zeit huscht Shiva durch unser Apartment mit einer Schale mit Wasser und Blüten, Mantras murmelnd versprüht er ein wenig Wasser vor den Räumen, im Wohnzimmer und in der Küche. Auf eine kuriose Weise fühlen wir uns nun geschützt.
Wenn man morgens zwischen vier und acht in Gokulam - DEM Yogastadtteil von Mysore - unterwegs ist, sind die Straßen bevölkert von Hunden und Westlern mit Yogamatte unterm Arm. Es erscheint bizarr, dass in der großen Ashtangashala gegründet von Sri K. Pattabhi Jois, die nur wenige Meter von unserem Apartment die Straße runter ist, jeden Morgen rund 150 Yogastudenten ab 4:15 Uhr mit einem Lehrer praktizieren. In diese Masse begeben wir uns zwar nicht, aber auch wir beginnen um 6:30 Uhr. Wer hätte gedacht, dass auch ich mich mit 5 Uhr Aufstehen anfreunden kann. Aber hier ist es eher anders herum. Steht man “erst” um 7 Uhr auf, so wie ich in den ersten 4 Wochen, fühlt man sich wie der absolute Langschläfer. Während man sich noch den Schlaf aus dem Augen reibt, haben die meisten ihr Yogaprogramm für den Tag schon abgeschlossen.
Nach 1,5 Stunden Yoga geht es meist kurz zum Gemüsehändler - Ananas und Papaya fürs Frühstück - und auf eine Kokosnuss zum Kokosnussstand. Alles in allem für rund einen Euro. Gemütliches Frühstücken auf dem Balkon - mit Daniels täglich neu gezauberten Porridge, Sauerteigbrot und gedünstetem Gemüse. Dazu Soja-Chai. Man sieht, die Inder hier haben verstanden, was die Westler suchen. Es scheint, wir stellen hier einen eigenen Wirtschaftszweig dar. Da werden selbstgemachte Schokolade, Kekse, Brot, Mandelmuß, selbstgemachtes Tofu und was nicht alles mehr verkauft. Man muss nur wissen wo man suchen muss, denn meist verkaufen sie diese Dinge entweder in ihren Privathäusern, oder auch morgens früh vor der großen Shala. So entstehen Verkaufsräume für Kleidung in Garagen und es wird home cooked food auf dem Dach, im Garten oder auch im eigenen Wohnzimmer serviert.
Den Tag kann man sich dann mit Singen, Yoga Philosophie, Acro-Yoga, Massagen oder diversen anderen Workshops füllen. Gerne auch von Westlern für Westler. So dass gar nicht so wenige für lange Zeit hier bleiben.
Zum Sonnenuntergang beenden wir den Tag dann mit einer weiteren Yogastunde. Um 9 fallen uns die Augen zu - wieder ein wunderbarer Tag vorbei geflogen.
Wo man in 2010 sein möchte? In Mysore. So findet man es zumindest auf Platz vier der “31 places to go to in 2010” der New York Times. Die Liste erscheint irgendwie skuril zusammengestellt, aber auf mich trifft es zu: Dies ist der Ort an dem wir seit Beginn des Jahres sind und wo ich genau jetzt sein möchte.

Jetzt ist auch einmal Zeit für eine kleine Indienkarte. Wir haben jetzt also laut google maps 5.408 km zurückgelegt, verbunden mit der Berechnung für diese Strecke 3 Tage und 15 Stunden zu brauchen. Also wir haben allein für die Strecke von Rishikesh (B) nach Varanasi (C) 26 Stunden mit dem Zug gebraucht - zwei Monate von Delhi (A) bis Mysore (M).
Hier lassen wir es uns nun gut gehen. Machen Yoga … gehen Singen … machen Yoga … Essen nicht zu vergessen … und das noch bis Ende Februar … herrlich!
Irgendwie scheint Gokarna inzwischen so weit weg, dass ich seit einem Monat keine Sätze dazu zusammen bringe. Es war unser letzter Ort vor Mysore, wo wir nun schon seid einem Monat sind. Dabei war es wirklich wunderbar nach dem vielen hin und her Reisen endlich einmal an einem Ort zu verweilen - zumal Gokarna ein herrlicher Strandort ist.


Mit Gokarna haben wir uns mal wieder an einen Pilgerort begeben und an dem Hauptabschnitt des Stadtstrand gehen also zu allen Zeiten die Inder so etwas wie ins Wasser. Also ihnen reicht das Wasser bis zu den Waden, sie setzen sich hin und halten sich an den Händen - auf das sie nicht weggespült werden (die meisten Inder können tatsächlich nicht schwimmen). Es ist für “uns Westler” ein kurioses Bild das sich uns bietet. Man bekommt den Kulturkonflikt aber direkt gespiegelt, wenn man als Frau allein baden geht. Sehr ausdauernd warten dann eine Reihe Inder gespannt am Ufer das man wieder aus dem Wasser kommt. Aber in Gokarna scheint das Gefüge trotzdem noch mehr oder minder zu funktionieren. Wenn man von dem Haupttempel der Stadt absieht. Dort werden alle “Ausländer” kategorisch ausgeschlossen.